Geschichten und Gedanken von Trennungskindern

Aufgrund unseres am 08. & 19. Juli 2015 gestarteten Aufrufs bezüglich der Suche nach Trennungskindern, erscheinen hier nun Interviews mit den Trennungskindern Sarah, Sophie und ein veröffentlichter/abgeschriebener Brief von Melanie. Die Geschichten von Melanie & Sarah zeigen, wie dummes und falsches Verhalten von erwachsenen Menschen ihren Kindern schaden kann. Kinder sind das schönste Erlebnis was uns in unserem kurzen Leben zuteil werden kann. Aber viel zu oft zerstören wir Erwachsene das Leben und eine wundervolle Zukunft unserer Kinder. Es wäre daher wünschenswert, wenn sich alle Eltern mehr Gedanken um die Gefühle und Gedanken/Hoffnungen und Bedürfnisse ihrer eigenen Kinder machen würden und ihre eigenen persönlichen – teilweise auch egoistischen – Vorstellungen hinten anstellen. Wir brauchen daher noch viele Briefe und Interviews dieser Art, um zu zeigen was Kinder sich wünschen und was sie eigentlich niemals erleben sollten. Und wir brauchen mehr Geschichten von solchen wie die von Sophie. Sie machen uns Hoffnung.


Die Geschichte von Sarah (02.07.2016)

Interview mit Sarah, von Danny Reimann

Die Geschichte von Sarah wird in den kommenden Tagen hier veröffentlicht.


Die Geschichte von Sophie (29.08.2015)

Interview mit Sophie, von Danny Reimann

Ein wunderschöner sonniger Tag war es, als ich letzten Sonntag in meiner Lieblingsstadt Hamburg in einem gemütlichen Café an der Außenalster auf meine Gesprächspartnerin wartete. 

 

Wie als Frau so üblich, kam sie zu spät. ;-)

 

Sophie gab mir die Hand zur Begrüßung und ich war erleichtert, dass sie keinen Rückzieher für dieses Treffen gemacht hatte. Denn der Gedanke kam gerade auf, kurz bevor sie die Terrasse betrat.

 

Wir bestellten uns bei der sogleich herbei geeilten netten Bedienung je einen Kaffee und schauten zu den Segelbooten hinüber und ich wünschte mich in diesem Moment auf einem von ihnen wiederzufinden.

 

Wie fängt man ein Gespräch an? Vorher schrieben wir einige Male hin und her und verabredeten uns dann für diesen Tag und Ort. Dennoch ist es schon ein wenig komisch mit solch einem Thema zu beginnen.

 

"Ich segle gerne.", sagte ich zu ihr und begann so die Konversation.

 

Sie lächelte während sie den Blick nun zu mir wandte und sagte dass sie mal mit ihrem Papa als Kind mit gesegelt war.

 

Nun waren wir zu meiner Überraschung auch schon beim Thema.

 

Ich sagte ihr, dass ich unser Gespräch gerne aufnehmen würde um später alles detaillierter schriftlich verfassen zu können. Ich versicherte ihr, dass die Aufnahme danach gelöscht werde und sie selbstverständlich eine Korrekturlesung machen könne, bevor ich den Text veröffentlichen werde.

 

Sie genehmigte es und ich holte mein Diktiergerät aus der Tasche und legte es noch ausgeschaltet auf den Tisch.

 

Sie sagte mir mit einem auffallend schüchternen Lächeln, dass es komisch für sie sei heute über das Thema zu reden, es aber dennoch machen möchte. Ich versuchte ihr nun die Bedenken zu nehmen und sagte, dass es anderen Kindern und Jugendlichen helfen könne zu erfahren wie andere Betroffene denken oder gedacht haben. Und auch den betroffenen Elternteilen würde es helfen oder Hoffnung machen können.

 

"Ich weiß.", sagte sie. "Das möchte ich, daher bin ich auch her gekommen."

 

Ich hatte einen Schreibblock nebenbei aus meiner Tasche geholt und erklärte ihr nun, dass ich zusätzlich zu der Aufnahme auch schriftliche Aufzeichnungen anfertigen werde. Sie unterstützen mich später bei meinem Geschreibe. Ich erklärte weiter, dass ich ihr nun Fragen stellen werde - so wie ein Interview halt geführt wird. Der Rest würde sich dann ergeben. Vorab hatte ich ihr das Prozedere auch schon per Mail geschrieben. Somit konnten wir nach kurzer Zeit beginnen.

 

Ich schaltete mein Gerät nun auf Aufnahme und wir begannen unser geplantes Gespräch. Der Zeitpunkt war ideal, da die Serviererin gerade unseren Kaffee brachte und Sophie ihren Becher die nächsten Minuten auch gar nicht mehr los lies. Sie war nervös.

 

"Du bist nervös.", stellte ich mit fragender Tonlage fest.

 

"Ja.", sagte sie und lächelte dabei in ihrer schüchternen und süßen Art.

 

"Du brauchst nicht nervös zu sein. Wieso bist Du es?"

 

"Ich weiß nicht."

 

"OK, das wird gleich vorbei sein."

 

"Ich hoffe!"

 

"Klar! Sag uns Deinen Namen und wie alt Du bist!"

 

"Ich heiße Sophie und bin 1995 geboren."

 

"In Hamburg? Du wohnst hier?"

 

"Ja.", und sie lächelte aufgelockert aber immer noch leicht schüchtern.

 

"Hast Du Geschwister?", fragte ich.

 

"Ja, eine Schwester. Sie ist vier Jahre jünger als ich."

 

"Hattet ihr eine schöne Kindheit? Ich schätze Dich so ein, als ob Du aus ´gutem Hause´ kommst. So jedenfalls wirkst Du." Ich grinste sie an.

 

Sie lächelte wieder und sagte: "Mein Papa verdient viel Geld. Wir haben ein schönes Haus."

 

"Gehabt, oder immer noch? Deine Eltern sind getrennt.", unterbrach ich sie.

 

"Ja, sie haben sich scheiden lassen, als ich 9 Jahre alt war. Mein Papa ist ausgezogen und wohnt nun mit seiner neuen Frau außerhalb von Hamburg. Als er noch bei uns war und alles in Ordnung war, hatte er nicht immer viel Zeit. Aber trotzdem habe ich ihn geliebt. Als Kind nimmt man die Gegebenheiten so wie sie sind. Wenn wir im Urlaub waren oder auch an seinen freien Tagen am Wochenende hat er gerne mit uns gespielt. Es war immer schön."

 

"Und wann und warum änderte sich die Situation?"

 

"Mein Papa hat eine neue Frau kennengelernt. Bei der Arbeit. Irgendwann hat meine Mama das mitbekommen. Meine Schwester und ich bekamen dann oft die Streits der Beiden mit. Das war für uns sehr schlimm. Meine Schwester kam dann immer in mein Zimmer und weinte auch manchmal, sodass ich sie trösten musste. Für Lisa (Anm. Name geändert) war das sehr schlimm. Aber auch für mich. Lisa schlief dann auch bei mir. Manchmal kam Mama dann zu uns, als mein Papa das Haus dann manchmal verließ. Er ging dann zu seiner Freundin. Ich verstand das damals nicht so richtig. Ich hatte auch nicht gedacht, dass er uns einmal für immer verlassen würde. Auch Mama weinte und nahm uns in den Arm. Ich erinnere mich heute immer wieder mal an die Situationen von damals. Ich habe sie immer noch bildlich vor Augen."

 

Mich erinnerte das nun an meine eigene Geschichte. Ich musste mich ein wenig zusammenreißen und meine Gedanken mithilfe meines Schreibblocks und Stiftes beiseiteschieben. Bilder entstanden in meinem Kopf. Und während Sophie ihre Tasse nun loslassen konnte, bemerkte ich, dass ich den Stift aus demselben Grund in der Hand hielt, weswegen sie die Tasse eben noch hielt.

 

Es ist der Halt der uns fehlte. Die Sicherheit die ein Kind braucht und die wir beide nicht hatten. Die Sicherheit die uns nun auch im Erwachsenenalter immer noch fehlt.

 

"Ich kann verstehen dass Deine Mama weinte. Aber ich finde es nicht gut, dass sie es in eurem Beisein machte.", sagte ich ihr.

 

"Ich auch nicht. Damals war das egal. Es war halt die Situation. Aber im Nachhinein hätte ich mir gewünscht davon weniger mitbekommen zu haben."

 

"Wie ging es dann weiter?"

 

"Mein Papa zog irgendwann dann aus. Es gab immer wieder Streit. Auch um uns haben die gestritten. Meine Schwester und ich bekamen das immer mit. Wir hatten Angst. Wir wussten nicht was dass alles bedeutete und wie es weiter geht. In der Schule wurde ich schlechter. Meine Schwester fing im Kindergarten an leicht auffällig zu werden. Sie wurde von meiner Mama dann schnell zu einer Psychologin geschickt, bzw sie gingen dort zusammen hin."

 

"Und Du?"

 

"Ich bin in der Schule abgesackt. Es war so, dass der Kontakt zu meinem Papa weiterhin bestand. Ich bin mit meiner Schwester von ihm abgeholt worden. Jede Woche. Aber immer wieder stritten meine Mama und er miteinander. Irgendwann wollte ich nicht mehr zu ihm. Meine Schwester ist dann alleine mit ihm gegangen..."

 

Ich unterbrach. "Wieso wolltest Du nicht mehr mit ihm gehen?"

 

Sie überlegte eine Weile. "Damals hatte ich darüber nicht nachgedacht. Jedenfalls weiß ich es jetzt nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Meine Mama hat schlecht über ihn geredet. Ich fand das doof. Ich weiß auch nicht."

 

"Und Lisa?"

 

"Sie ging weiter zu ihm. Heute weiß ich dass es damals Gerichtsverhandlungen wegen uns gegeben hat. Einmal musste ich dort auch hin."

 

"Warum musstest Du zum Gericht?"

 

"Ich wurde gefragt ob ich meinen Papa sehen wolle. Ich sagte Nein. Ich wollte da nicht hin. Also zum Gericht."

 

Sophie pausierte. Sie dachte nach, hielt inne und man merkte wie es in ihre rumorte, bzw sie sich alte Gedanken hervorkramte.

 

"Wie ging es weiter?", fragte ich sie.

 

"Irgendwann ist Lisa auch nicht mehr hingegangen. Ich hatte ja nun auch mittlerweile mitbekommen das Mama weitere Gerichtstermine hatte. Das zog sich ja über viele Monate. Immer wieder bekam ich mit wie Mama mit Papa am Telefon stritt. Er rief sie an. Er wollte uns sprechen. Erst jetzt wo ich älter bin wird mir einiges bewusster. Wir hatten da auch mal jemanden vom Gericht bei uns. Also ein Gutachter. Der sollte rausfinden was Lisa und ich wünschen. Also ob wir zu Papa wollen. Aber irgendwann beruhigte sich alles. Lisa und ich hatten keinen Kontakt mehr zu Papa. Er meldete sich auch nicht mehr. Wenn ich Mama nach ihm fragte, bekam ich Antworten die ich nicht glauben wollte. Sie sagte dass er uns nicht sehen möchte. Sie meinte dass er jetzt ein eigenes Leben führen würde und wir da keine Rolle mehr spielen würden."

 

"Wie alt warst Du da?"

 

"Ich glaube elf oder zwölf. Ich weiß nicht mehr so genau."

 

Eine kleine Pause entstand. Sophie wischte sich - versuchend es für mich unbemerkt zu tun - eine Träne aus ihrem Auge.

 

Es ist ein scheiß Gefühl wieder einmal zu erleben wie solche Dinge sich im Sand verlaufen. Und es ergeht so vielen Kindern so! Und sie wissen gar nicht wie sehr sich ihre entsorgten Elternteile um sie bemühen. Ich war mir sicher dass Sophies Papa sie sehen wollte!

 

"Mama hatte ihn immer schlecht geredet. Auch zu der Zeit schon, als ich mit Lisa noch bei ihm war. Also wenn wir ihn besucht hatten. Ich hatte das nie verstanden. Aber als Kind nimmst Du alles als Gegeben hin. Was sollst Du auch machen?"

 

"Was habt ihr so gemacht wenn Du oder ihr Beide bei Deinem Vater wart?"

 

"Unterschiedlich. Wir waren im Park, Eis essen, Jahrmarkt, auch mal im Urlaub. Es war immer schön! Wir hatten auch ein eigenes Kinderzimmer bei ihm."

 

"Wenn Du oder ihr zu eurer Mama zurückgebracht wurdet, habt ihr ihr dann erzählt von den Dingen die ihr gemacht hattet?"

 

"Ja, Mama fragte ja immer nach. Aber es war immer komisch es ihr zu erzählen. Sie freute sich nie. Letztendlich hat sie uns nur ausgehorcht. Warum auch immer."

 

"Vielleicht suchte sie nach Fehlern?"

 

"Fehlern?"

 

"Dinge, die sie Deinem Vater ankreiden konnte. Dinge die er ihrer Meinung nicht mit euch hätte machen sollen. Vielleicht Dinge, wo sie dann versuchen könnte gegen ihn vorzugehen."

 

"Das kann sein. Mama wollte nicht, dass wir segeln gingen wenn Lisa dabei war. Ich fragte sie nach dem Grund. Aber ich bekam nur die Antwort dass sie es nicht will. Sie sagte noch dass Lisa ja nicht schwimmen könne. Aber sie wusste dass wir Westen anhatten und dass das Boot gar nicht komplett sinken kann."

 

Volltreffer! Es ist erstaunlich wie ähnlich die Fälle doch sein können. Zum kotzen!

 

"Ok, irgendwann kam dann ja der Zeitpunkt als ihr nicht mehr zu ihm gegangen seid. Du hattest mir aber ja mitgeteilt, dass ihr wieder Kontakt habt. Magst du das erklären? Ich würde hierbei auch Deine Gedanken und Gefühle oder Bedenken erfahren wollen."

 

"Als ich fünfzehn war, habe ich meinen Papa in einem Supermarkt in unserer Nähe gesehen. Ich erfuhr später von ihm, dass er relativ häufig dort einkaufen war, obwohl dieser Markt überhaupt nicht an seinem Wohnort gelegen war. Er sagte mir, dass er dort hin ging in der Hoffnung uns zu sehen. Auch an der Schule ist er ab und zu vorbei gefahren. Auch bei uns zu Hause die Straße entlang."

 

"Du hast ihn dann aber nicht gleich angesprochen."

 

"Nein. Ich wusste nicht was ich machen sollte. Er hat mich nicht gesehen. Ich hatte ja so eine Bommelmütze auf (sie grinste verlegen), so mit Ohrenschützern und diesem Band zum unten zumachen (sie gestikulierte erklärend mit den Händen), die kennst Du bestimmt (ich nickte) und eine Winterjacke an. Ich denke da war es nicht leicht einen zu erkennen. Zumal ich mich ja mehr oder weniger versteckt und ihn beobachtet hatte."

 

"Ok, und dann?"

 

"Er ist dann irgendwann zu seinem Auto und weggefahren. Dann habe ich ihn lange nicht gesehen.

 

Kurz vorm Sommer dann hatte ich ihm eine SMS geschrieben. Die Nummer hatte ich aus Mamas Handy rausgesucht. Ich hatte gerade meinen sechzehnten Geburtstag gehabt. Und ich wollte wieder Kontakt zu meinem Papa. Ich war traurig dass ich keine Geburtstagskarte bekommen hatte. Nie hatte er geschrieben. Das war ja für Lisa und mich schon normal. Wir hatten uns darüber nie wirklich Gedanken gemacht. Oder eigentlich schon. Also ich jedenfalls. An Weihnachten oder am Geburtstag, wenn die Verwandten zu Besuch kamen. Ich vermisste meinen Papa. Und deshalb wollte ich ihm schreiben."

 

Eine kleine Pause entstand. Sophie dachte nach und wir bestellten auf Nachfrage der netten Bedienung uns je ein Eis.

 

Es war schön auf dieser Terrasse. Die Sonne schien, es war sehr warm. Ich freute mich schon auf meine spätere Tour durch Hamburg mit meinem Motorrad, und dann bei Sonnenuntergang die Tour über Land zurück nach Eutin.

 

Wir schauten den Segelbooten zu und lenkten das Thema somit erstmal in eine andere Richtung. Ich schaltete das Diktiergerät aus und sagte ihr, dass wir kurz pausieren würden bis das Eis kommt. Ich hätte es als störend empfunden, wenn es gebracht wird und wir gerade mitten im Gespräch wären.

 

Sophie stellte mir dann einige Fragen und wir unterhielten uns über meine Initiative und ein wenig über meine Geschichte und dann auch noch über ihr jetziges Leben und Tun. Und als das Eis dann am Tisch war, setzten wir unser eigentliches Gespräch fort.

 

"Wir waren beim SMS schreiben.", sagte ich zu ihr. "Was hast Du geschrieben und so gedacht?", fragte ich nun.

 

"Ja. Also ich ähm hab einfach nur »Hallo Papa« geschrieben. Und nach einiger Zeit, das dauerte Stunden, da kam zurück »Hallo Sophie«. Und ich dachte »Boah, na toll! Hättest du nicht was anderes schreiben können?!«"

 

"Was denn?", fragte ich neugierig und leicht belustigt über ihre Art der eben gelieferten Beschreibung.

 

"Weiß ich auch nicht?! Keine Ahnung! Irgendwas anderes!"

 

"Ja, aber was denn? Überleg doch mal! Versetz Dich doch mal in seine Situation! Er sucht Dich im Supermarkt. Er fährt die Straße an eurem Haus vorbei. Er hat Interesse gezeigt. Er hat doch selbst keinen Plan wie er das anstellen sollte! Ich hätte auch keine Ahnung was ich machen sollte, wenn meine geliebte Tochter mich plötzlich unerwartet anschreibt. Und er hat euch geliebt! Und Du weißt ja jetzt dass er euch vermisst hat, bzw es immer noch tut. Also bei Lisa. Also was sollte er tun? Ich glaube da gibt es keine Musterlösung. Ich denke ja auch tagtäglich darüber nach wie es wäre wenn meine Maus plötzlich vor meiner Tür stehen würde. Ich glaube ich würde einfach nur vor Glück heulen. Oder ich würde ungläubig vor Schreck erstarren und mich nicht mehr bewegen wollen, um diesen Augenblick nicht vergehen zu lassen.

Dein Vater wird sich ähnlich gefühlt haben und genauso planlos gewesen sein. Verstehst Du?"

 

"Ja, ich weiß ja. Mir hat er später gesagt, dass er geweint hatte und dass er mit seiner Frau - also jetzigen Frau -, nicht meiner Mutter, gesprochen hat und mit seiner Schwester, meiner Tante telefoniert hat, weil er nicht wusste was er machen sollte. Er hatte Angst etwas falsch zu machen."

 

"Kann ich mir gut vorstellen. Und Du? Wie ging es weiter?"

 

"Ich wusste ja auch nicht was ich nun machen sollte. Mit Mama konnte und wollte ich darüber ja nicht reden. Die hätte eh nur Stress gemacht. Ich bin dann zu meiner Freundin. Hab da auch übernachtet. Es war ein Wochenende. Ich habe mit Chrissi, meiner Freundin (Anm. Name geändert) überlegt was ich schreiben könnte. Aber wir waren uns nicht wirklich einig. Ich habe dann erst am übernächsten Tag zurückgeschrieben."

 

"Und was?"

 

"Ich habe ihn gefragt ob wir uns treffen wollen. Er schrieb zurück »Ja, gerne!«. Dann habe ich vorgeschlagen das wir uns für den nächsten Tag am Pinguinbrunnen im Stadtpark treffen können und das ich um ich glaube 16 Uhr, nach der Schule, da sein würde. Er hat dann geschrieben dass er sich freut. Ich habe nichts zurück geschrieben."

 

"Warum nicht? Ich meine, ich kann es verstehen. Ist ja ne komische Situation."

 

"Ja genau. Natürlich freute ich mich! Aber ich wusste ja nicht wie das sein würde. Ich meine wir haben uns lange nicht gesehen. Ich wusste ja nicht..."

 

"Und dann am nächsten Tag?"

 

"Ich hatte kaum geschlafen. Mama sagte ich nichts davon. Chrissi ist mitgekommen. Ich wollte da nicht alleine hin. Wir sind schon relativ früh im Park gewesen. Aber ich wollte nicht zuerst da sein. Ich wollte dass Papa schon da ist wenn ich komme. Ich dachte mir dass ich falls ich einen Rückzieher machen würde, er das ja dann nicht sehen würde das ich wieder gehe, weil er ja dann da warten würde."

 

"Ok..."

 

"Ja. Und als ich ihn dann gesehen habe, sagte ich zu Chrissi, dass ich doch alleine zu ihm gehen würde. Chrissi ist dann spazieren gegangen und später nach Hause. Wir hatten dann geschrieben (Anm: per Handy).

 

Ich bin langsam in seine Richtung gegangen. Ich war aufgeregt, hatte irgendwie eine Art von erwartungsvoller Angst. Dann drehte Papa sich irgendwann in meine Richtung um und sah mich und lächelte mich an. Und dann bin ich einfach heulend auf ihn zugerannt und hab geheult wie ein Schlosshund und wir haben uns einfach nur umarmt und dann beide geheult. Das war wie im Film. Total schön!"

 

Mir kamen die Tränen. Ich bin durch meine eigene langjährige Geschichte sehr empathisch geworden und kann mich in solche Situation komplett reinversetzen, so als erlebe ich sie gerade selbst. Das hasse ich! Nun musste ich mir verstohlen einige kommende Tränen wegwischen, während Sophie mich anlachte und in ihrer süßen Eigenart zu mir sagte, dass doch alles gut sei. "Ja, ich find´s halt schön!, sagte ich und legte den Schreibblock mit Stift beiseite und kratzte verlegen die restliche zusammengelaufene Sahne meines längst abgestellten Eisbechers zusammen und aß diese eine Löffelportion. Dann lächelte ich zurück und konnte nur sagen: "Oh man!"

 

Sophie lächelte. Sie erzählte mir dann dass sie mit ihrem Papa zuerst dort spazieren gegangen sei. Dann nach einiger Zeit hatten sie sich verabschiedet und sich für den nächsten Tag bei ihrem Vater zuhause verabredet. Sie wollte seine Frau kennenlernen. Sie schilderte dass es ihr so vor kam, als hätten die zwei sich niemals aus den Augen verloren. Auch wenn viele Informationen während des Zeitraums der Trennung der Beiden fehlten, so war es für sie so schön wie früher. Ihr kamen Erinnerungen wieder hoch. Das Gefühl der Liebe zu ihrem Vater war wieder voll da. Sie war froh dass er ihr keine Vorwürfe machte. Sie hatte in ihrem Inneren Schuldgefühle die sie selbst aber nicht deuten und verstehen konnte.

 

Ihr Papa erzählte ihr von seinem Kampf um sie und Lisa. Er erzählte davon dass er aufgegeben hatte, weil er keine Chance hatte gegen die Behauptungen und Machtkämpfe der Mutter anzukommen. Er zeigte ihr einen Umschlag mit Briefen, von welchen vier Stück zurück gekommen waren und weiteren Briefen, welche er dann nur geschrieben, aber nicht abgeschickt hatte. Er erzählte von seinen Gedanken und Gefühlen und den Fahrten zum Supermarkt und vorbei an ihrer Schule. Er erzählte ihr von seinem Kampf bezüglich des Sorgerechts und der Kontaktverweigerung der Mutter.

 

Und Sophie sagte mir, dass sie diese vielen Dinge aber gar nicht detailliert wissen wolle.

 

Somit weiß sie zwar in etwa, was seinerzeit abgelaufen ist im elterlichen Konflikt um die Kinder. Aber die Details sind ihr egal.

 

Nun ist Sophie mittlerweile auch schon von zuhause ausgezogen. Sie hat eine eigene Wohnung und einen schönen Job, der ihr ein selbstbestimmtes Leben verschafft. Sie ist glücklich und versucht die Probleme des Lebens als Herausforderung zu sehen.

 

Und Lisa? Auch sie hat mittlerweile Kontakt mit ihrem Vater. Sie hat allerdings erst zwei Jahre nach Sophie den Kontakt wieder zugelassen. Ihr beider Kontakt ist nicht so innig wie der zwischen Sophie und ihrem Papa. Wahrscheinlich hat Lisa nicht mehr so viele positive Erinnerungen. Oder sie hat die negativen Stimmungen der Mutter auf den Vater aufgrund ihres damaligen jungen Alters mehr verinnerlicht. Schade! 

 

Die Mutter musste inzwischen akzeptieren dass der Kontakt wieder besteht. Beide Kinder vermeiden es aber die Zeit der Trennung mit der Mutter zu thematisieren.

 

Mit ihrer Mutter hat Sophie nie richtig über die Gesamtsituation geredet. Diese blockt ab. Und bei den hin und wieder doch mal stattfindenden Gesprächsversuchen bei denen ihr Papa thematisiert wird, hat Sophie eher das Gefühl nicht ehrlich begegnet zu werden.

 

Ich bedankte mich bei Sophie für dieses sehr nette Gespräch. Wir wünschten uns alles Gute und verabschiedeten uns voneinander. Nachdem ich ihr nun die Korrekturversion dieses Textes geschickt und eine positive Rückmeldung erhalten hatte, wird er nun hiermit mit großem Dank an Sophie veröffentlicht.


Die Geschichte von Melanie (01.08.2015)

Leserbrief von Melanie

Hallo!

 

Im Juli hattet ihr einen Aufruf gestartet. Ihr suchtet Trennungskinder, welche über ihre Erlebnisse, Gedanken, Gefühle, Hoffnungen und Bedenken berichten, welche sie während und nach dem elterlichen Trennungskonflikt erlebt hatten.

Ich möchte euch hier nun meine Geschichte erzählen.

 

Ich heiße Melanie und bin nun 23 Jahre alt.

Als ich 13 Jahre alt war, ließen sich meine Eltern im Jahr 2005 scheiden. Davor stritten sie sich täglich und ich habe es immer mitbekommen, auch wenn sie oft dachten dass ich es nicht hören würde.

Oft habe ich mich gefragt, ob ich der Auslöser oder Grund für ihre Streitigkeiten bin. Ich war kein einfaches Kind. Und dieses hatte auch seinen bitteren Grund…

Mit 6 Jahren wurde ich von meinem Onkel missbraucht. Meine Eltern glaubten mir das damals nicht. Ich habe täglich deswegen geweint.

Mit 7 Jahren habe ich mich das erste Mal „geritzt“! Meine Eltern merkten dieses nicht.

Ich litt unter dieser Situation. Meine schulischen Leistungen wurden schlechter. Meine Eltern gaben mir das Gefühl unerwünscht zu sein und haben mir nicht mal mehr gesagt, dass sie mich lieb haben.

Ich fing an immer tiefer zu ritzen. Anfangs am Bauch, irgendwann an den Armen.

Eines Tages kam ich von der Schule, meine Mutter hatte Alkohol getrunken und mein Vater packte gerade seine Sachen und zog aus. Er hatte schon lange eine neue Freundin. Er zog zu ihr.

Nun habe ich Aufgaben im Haushalt übernommen. Ich fing an mich um meine Geschwister zu kümmern. Ich ging nicht mehr zur Schule, aus Angst meine Mutter würde sich was antun. Jeden Abend lag ich in meinem Bett und fing an zu beten, hoffend dass dies nur ein Albtraum sei.

Aber leider war dem nicht so.

Ich konnte mit den Belastungen nicht mehr umgehen und verletzte mich weiter. Irgendwann stand dann das Jugendamt vor der Tür und fragte was hier los sei. Nachbarn würden sich Sorgen machen.

Meine Mutter hat dann alles schön geredet; es sei alles in Ordnung.

Zu diesem Zeitpunkt hatten weder meine Geschwister noch ich Kontakt zum Vater.

Ein Mitarbeiter des Jugendamts war nun 2-mal die Woche bei uns, um für meine Geschwister und mich eine Freizeitbeschäftigung zu machen. Ich war nur 1-mal mit. Lieber wollte ich zuhause bleiben.

Irgendwann sprach der Jugendamtsmitarbeiter mit mir und ich zeigte ihm meine Verletzungen.

Daraufhin bekam ich eine Therapie. Für mich war es die Hölle! Acht Wochen von zuhause weg! Ich wusste nicht wie es meinen Geschwistern geht oder meiner Mutter.

Nach der Therapie hatten meine Geschwister bereits wieder Kontakt zu meinem Vater. Mich aber wollte mein Vater nicht sehen.

Mithilfe des Jugendamtes konnte ich mich nun auch wieder auf meine schulischen Leistungen konzentrieren, meine Noten wurden besser. Ach das Selbstverletzen wurde besser.

 

Jahre vergingen, und ich lernte meinen ersten Freund kennen, den ich ein paar Jahre später auch heiratete. Bis dahin hatte ich noch immer keinen Kontakt zu meinem Papa, obwohl er mir sehr fehlte.

Ich war im 8. Monat schwanger und war bereits 6 Monate verheiratet. Bei einer Kontrolluntersuchung beim Frauenarzt teilte uns dieser mit, dass unsere Tochter keine Herztöne hat und ich kam sofort ins Krankenhaus.

Meine Tochter wurde sofort zur Welt gebracht. Tot!

Mein Mann verließ mich. Er reichte die Scheidung ein. Ich fühlte mich allein wie damals bei meinen Eltern. Wieder fing ich an zu ritzen.

 

Nach der Beerdigung meiner Tochter machte ich erneut eine Therapie in der Psychiatrie. Zwölf Wochen. Ich fühlte mich dann besser und es ging mir eine Weile wieder gut.

 

Ich entschloss mich dazu Kontakt zu meinem Vater aufzunehmen und schrieb ihm einen Brief. Lange hatte ich überlegt ob ich ihn überhaupt abschicken soll. Meine Gedanken waren immer wieder die, dass er ihn eh nicht lesen würde, es interessiert ihn sowieso nicht was mit mir passiert. Ich bin doch Schuld an allem und er hasst mich!

Aber mein Bauchgefühl hat mir gesagt „Wenn Du es nicht tust, wirst Du immer mit dieser Ungewissheit leben!“

 

Es hat eine Ewigkeit gedauert bis er anrief. Er bedankte sich für den Brief und lud mich zum Kaffee trinken ein. Er erzählte mir dass er oft an mich gedacht hat und es ihm weh tat zu erfahren wie es mir heute ging. Es tat ihm weh, dass ich mit dem Selbstverletzen anfing um für einen Moment seelisch schmerzfrei zu sein. Er versprach mir ab jetzt immer für mich da zu sein.

Wir trafen uns von nun an immer wieder und ich hab mir viel erklären lassen.

 

Trotzdem bekam ich dieses Jahr wieder einen Zusammenbruch und fing wieder mit dem Selbstverletzen an und ging deshalb erneut in eine Klinik. Während dieser Zeit erhielt ich einen Anruf und mir wurde mitgeteilt, dass mein Papa verstorben sei.

Ich konnte ihm nicht noch einmal sagen, dass ich ihn liebe und er nicht schuld an meiner Situation ist! Denn diese gab er sich selbst immer wieder, er bereute es dass er nicht für mich da gewesen ist.

 

Seit 4 Wochen bin ich nun wieder zuhause. Ich habe euren Aufruf gelesen und hoffe das meine Geschichte als eines von vielleicht noch vielen kommenden Beispielen dafür steht, wie sehr Kinder durch den Streit ihrer Eltern leiden und wie sie uns verändern, ja schädigen können.

Ich möchte anderen Kindern dieses Leid ersparen und hoffe dass dieser Beitrag hier dabei helfen kann. Ich denke dass jedes Kind seine beiden Eltern immer liebt, auch wenn es im Laufe des Erlebens miteinander mal zu Unstimmigkeiten kommen kann. Kinder brauchen ihre Eltern und hoffen, dass diese für sie da sind. Und wenn ein Elternteil sein Kind verloren hat, es aber liebt und sich Sorgen und Gedanken macht, so hoffe ich dass dieser dann sein Kind sucht und findet!